
Bis Oktober 2024 war die Erstattungsprüfung bei FBA ein entspanntes Jahresprojekt. Einmal pro Quartal oder sogar einmal jährlich alle Berichte durchgehen, Fehlmengen und Schäden finden, Fälle einreichen – und weil das Fenster 18 Monate offen stand, ging so gut wie nichts verloren.
Das ist vorbei. Stand Juli 2026, laut Amazons Ankündigung im Seller-Forum vom 23.10.2024, hat Amazon die Fristen von 18 Monaten auf 60 Tage gekürzt. Verbindlich ist immer die Fassung in deinem Seller Central – aber die Richtung ist eindeutig: Wer heute erst nach drei Monaten in die Berichte schaut, findet Fälle, die längst verjährt sind.
Das ist der eigentliche Schaden. Nicht die Kostenumstellung, über die viele reden, sondern diese eine Zahl. Sie zwingt dich von einer Jahres-Logik in eine Wochen-Logik. Wer das nicht umstellt, verschenkt bares Geld – und zwar dauerhaft, jeden Monat aufs Neue.
"60 Tage" ist nur die Kurzfassung. In Wahrheit hat jede Fehlerart ihr eigenes Fenster, mit eigenem Startpunkt. Das ist der Grund, warum eine simple Erinnerung "alle 60 Tage prüfen" nicht reicht: Bei manchen Fällen zählt das Meldedatum, bei anderen das Versanddatum, bei wieder anderen das Datum der Kundenerstattung.
Stand Juli 2026, laut Amazons Forums-Ankündigungen, gelten diese Fenster. Verbindlich ist die aktuelle Fassung in deinem Seller Central – prüf sie, bevor du dich auf einen Termin verlässt.
Von allen Fristen ist die für Kundenretouren die tückischste – und die, an der die meisten Seller Geld liegen lassen. Der typische Fall: Ein Kunde schickt Ware zurück und bekommt sein Geld erstattet, aber die Ware kommt nie in deinem Bestand an, oder sie kommt beschädigt an, oder als etwas völlig anderes.
Amazon gibt dem Kunden eine Frist, die Ware tatsächlich zurückzusenden. Deshalb kannst du einen solchen Fall nicht sofort einreichen. Reichst du vor Tag 60 ein, lehnt Amazon ab, weil die Rücksendefrist des Kunden noch läuft. Wartest du zu lange, ist nach Tag 120 Schluss.
Das Ergebnis ist ein Korridor von genau 60 Tagen, der weder am Verkaufstag noch am Retourentag beginnt, sondern am Tag der Erstattung an den Kunden. Ohne systematische Erfassung dieses Datums ist dieses Fenster praktisch unmöglich zuverlässig zu treffen. Genau hier trennt sich saubere Routine von Zufall.
Es gibt eine gute Nachricht. Stand Juli 2026, laut Amazons Ankündigung, erstattet Amazon seit dem 01.11.2024 im Fulfillment Center verlorene Ware automatisch – ohne dass du einen Fall eröffnen musst. Klingt, als könntest du dir die Arbeit sparen. Kannst du nicht.
Der Haken: Bleibt die automatische Erstattung aus – aus welchem Grund auch immer – gilt trotzdem die 60-Tage-Frist. Du hast dann keinen Vorteil, sondern ein zusätzliches Risiko: Du verlässt dich auf einen Automatismus, der im Einzelfall nicht greift, und merkst es erst, wenn die Frist schon abgelaufen ist.
Praktisch heißt das: "Automatisch" ändert nichts an deiner Kontrollpflicht. Du prüfst weiter, ob für jeden erfassten Verlust auch tatsächlich eine Erstattung erfolgt ist. Der Reimbursements Report ist dafür dein Gegencheck – dazu gleich mehr.
Die zweite große Änderung betrifft nicht die Frist, sondern die Höhe der Erstattung. Amazon bewertet verlorene oder beschädigte Ware in bestimmten Fällen nicht mehr zum Verkaufspreis, sondern zum Herstellungskostenwert – also dem, was dich die Ware beim Hersteller oder Großhändler gekostet hat. Ohne Fracht, ohne Handling, ohne Zoll.
Wichtig für den deutschen Marktplatz: Amazon hat diese Umstellung im März 2025 für den US-Marktplatz angekündigt. Ob und seit wann sie für amazon.de gilt, ist öffentlich nicht belegt. Prüfe den aktuellen Stand in deinem Seller Central, bevor du deine Kalkulation darauf aufbaust – behandle die Regel nicht als geltendes Recht für Deutschland.
Entscheidend ist eine Differenzierung, die fast alle Ratgeber übersehen: Es kommt darauf an, wann der Verlust passiert. Geht Ware verloren, bevor ein Kunde sie bestellt hat, greift die Herstellungskosten-Logik. Geht sie nach der Bestellung verloren oder kaputt, wird weiterhin der Verkaufspreis abzüglich Gebühren angesetzt. Das ist der Unterschied zwischen "lagernde Ware verschwindet" und "bereits verkaufte Ware beschädigt".
Wenn nach Herstellungskosten bewertet wird, stellt sich sofort die Frage: Woher kennt Amazon deine Einkaufskosten? Antwort: gar nicht – Amazon schätzt sie. Und eine Schätzung ist selten in deinem Interesse.
Du hast die Möglichkeit, deine tatsächlichen Beschaffungskosten selbst zu hinterlegen, statt Amazons Schätzwert zu akzeptieren. Das Portal dafür taucht je nach Ansicht unter unterschiedlichen Bezeichnungen auf – such nach der Verwaltung deiner Herstellungs- bzw. Beschaffungskosten in Seller Central. Der Pfad kann sich ändern; der Grundsatz bleibt: Deine dokumentierten Zahlen sind belastbarer als eine pauschale Schätzung.
Der Aufwand lohnt sich vor allem bei Produkten mit hoher Marge, wo Einkaufspreis und Verkaufspreis weit auseinanderliegen. Halte deine Beschaffungsbelege sauber – Rechnungen vom Hersteller oder Großhändler – damit du im Zweifel einen Wert nachweisen kannst, statt dich auf eine Zahl zu verlassen, die jemand anderes für dich festgelegt hat.
Weil das Jahres-Audit tot ist, brauchst du einen festen wöchentlichen Slot. 30 bis 60 Minuten, immer am gleichen Tag. Ziel: jede Abweichung finden, solange ihr Fenster noch offen ist. Drei Berichte reichen als Fundament.
Der Inventory Ledger zeigt dir alle Bestandsbewegungen und ist dein Ausgangspunkt. Die Inventory Adjustments filterst du nach den Gründen "Lost – Warehouse" und "Damaged – Warehouse" – das sind die Verluste und Schäden im Lager, die eine Erstattung auslösen können. Und mit dem Reimbursements Report gleichst du ab, was Amazon bereits von sich aus erstattet hat, damit du keine Doppelfälle eröffnest und keine ausgebliebene Automatik übersiehst.
Der Ablauf in Schritten:
Zum Schluss die Muster, die immer wieder Geld kosten. Keiner davon ist kompliziert – aber alle haben mit der neuen Frist-Logik zu tun, an die sich viele Seller noch nicht angepasst haben.
Der teuerste Fehler ist der stillste: gar nicht prüfen, weil man annimmt, Amazon regle das automatisch. Die Automatik deckt nur einen Teil ab, und wenn sie ausbleibt, läuft die Frist trotzdem. Der zweithäufigste: quartalsweise statt wöchentlich prüfen – und damit systematisch alles verpassen, was älter als 60 Tage ist.