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Amazon FBA Erstattungen: Die 60-Tage-Falle bei Reimbursements

Die alte Jahresprüfung ist tot. Warum die Fristverkürzung mehr Geld kostet als die Kostenumstellung – und wie du dir eine wöchentliche Erstattungs-Routine aufbaust.

TH
Tobias Held
FBA-Experte
20. Jul 2026 · 11 Min. Lesezeit
Abstrakte geometrische Darstellung eines ablaufenden Countdowns über Lagerregal-Rastern als Sinnbild für enge Erstattungsfristen
Das Wichtigste in Kürze
  • Seit Oktober 2024 hast du für die meisten FBA-Erstattungen nur noch 60 Tage statt 18 Monate Zeit – wer quartalsweise prüft, verliert Geld.
  • Kundenretouren-Fälle haben ein Sperrfenster: erst ab Tag 60 nach der Erstattung einreichbar, spätestens bis Tag 120 – ein enger Korridor, den die meisten verpassen.
  • Hinterlege deine echten Einkaufskosten selbst, statt Amazons Schätzung zu akzeptieren – das gibt dir Kontrolle über die Bewertung deiner Ware.

Warum 60 Tage alles verändern

Bis Oktober 2024 war die Erstattungsprüfung bei FBA ein entspanntes Jahresprojekt. Einmal pro Quartal oder sogar einmal jährlich alle Berichte durchgehen, Fehlmengen und Schäden finden, Fälle einreichen – und weil das Fenster 18 Monate offen stand, ging so gut wie nichts verloren.

Das ist vorbei. Stand Juli 2026, laut Amazons Ankündigung im Seller-Forum vom 23.10.2024, hat Amazon die Fristen von 18 Monaten auf 60 Tage gekürzt. Verbindlich ist immer die Fassung in deinem Seller Central – aber die Richtung ist eindeutig: Wer heute erst nach drei Monaten in die Berichte schaut, findet Fälle, die längst verjährt sind.

Das ist der eigentliche Schaden. Nicht die Kostenumstellung, über die viele reden, sondern diese eine Zahl. Sie zwingt dich von einer Jahres-Logik in eine Wochen-Logik. Wer das nicht umstellt, verschenkt bares Geld – und zwar dauerhaft, jeden Monat aufs Neue.

Zwei getrennte Änderungen – nicht verwechseln
Amazon hat zwei Dinge geändert, die oft in einen Topf geworfen werden: (1) die Fristverkürzung auf 60 Tage (Ankündigung 23.10.2024) und (2) die Umstellung auf den Herstellungskostenwert (Ankündigung März 2025). Das sind zwei separate Themen mit eigenen Regeln.

Die Fristen im Detail – jede Kategorie tickt anders

"60 Tage" ist nur die Kurzfassung. In Wahrheit hat jede Fehlerart ihr eigenes Fenster, mit eigenem Startpunkt. Das ist der Grund, warum eine simple Erinnerung "alle 60 Tage prüfen" nicht reicht: Bei manchen Fällen zählt das Meldedatum, bei anderen das Versanddatum, bei wieder anderen das Datum der Kundenerstattung.

Stand Juli 2026, laut Amazons Forums-Ankündigungen, gelten diese Fenster. Verbindlich ist die aktuelle Fassung in deinem Seller Central – prüf sie, bevor du dich auf einen Termin verlässt.

1
Lager: verloren oder beschädigt
Maximal 60 Tage nach dem Meldedatum. Startpunkt ist der Tag, an dem der Verlust oder Schaden im System auftaucht – nicht der Tag, an dem du ihn bemerkst.
2
Kundenretouren
Ein Sperrfenster von Tag 60 bis Tag 120 nach der Erstattung an den Kunden. Früher als Tag 60 nimmt Amazon den Fall nicht an, nach Tag 120 ist er verfallen.
3
Removals und Transitverlust
Tag 15 bis Tag 75 ab Erstellung der Versandanforderung. Auch hier gibt es eine Sperrfrist am Anfang – zu früh eingereicht wird abgelehnt.
4
Removals, sonstige Fälle
60 Tage ab Rücklieferung der Ware an dich oder deine angegebene Adresse.
Merke dir die Startpunkte
Meldedatum, Versandanforderung, Kundenerstattung, Rücklieferung – vier verschiedene Uhren. Wer nur das Einreichdatum trackt, aber nicht den korrekten Startpunkt kennt, reicht regelmäßig zu früh oder zu spät ein.
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Das enge Fenster: Kundenretouren zwischen Tag 60 und 120

Von allen Fristen ist die für Kundenretouren die tückischste – und die, an der die meisten Seller Geld liegen lassen. Der typische Fall: Ein Kunde schickt Ware zurück und bekommt sein Geld erstattet, aber die Ware kommt nie in deinem Bestand an, oder sie kommt beschädigt an, oder als etwas völlig anderes.

Amazon gibt dem Kunden eine Frist, die Ware tatsächlich zurückzusenden. Deshalb kannst du einen solchen Fall nicht sofort einreichen. Reichst du vor Tag 60 ein, lehnt Amazon ab, weil die Rücksendefrist des Kunden noch läuft. Wartest du zu lange, ist nach Tag 120 Schluss.

Das Ergebnis ist ein Korridor von genau 60 Tagen, der weder am Verkaufstag noch am Retourentag beginnt, sondern am Tag der Erstattung an den Kunden. Ohne systematische Erfassung dieses Datums ist dieses Fenster praktisch unmöglich zuverlässig zu treffen. Genau hier trennt sich saubere Routine von Zufall.

Der häufigste Fehler
Retouren-Fälle direkt nach der Kundenerstattung einreichen und dann eine Ablehnung kassieren – und den Fall danach vergessen. Die Ablehnung heißt nicht "kein Anspruch", sondern "noch zu früh". Solche Fälle gehören auf Wiedervorlage ab Tag 60.

Automatische Erstattung – Verlass dich nicht drauf

Es gibt eine gute Nachricht. Stand Juli 2026, laut Amazons Ankündigung, erstattet Amazon seit dem 01.11.2024 im Fulfillment Center verlorene Ware automatisch – ohne dass du einen Fall eröffnen musst. Klingt, als könntest du dir die Arbeit sparen. Kannst du nicht.

Der Haken: Bleibt die automatische Erstattung aus – aus welchem Grund auch immer – gilt trotzdem die 60-Tage-Frist. Du hast dann keinen Vorteil, sondern ein zusätzliches Risiko: Du verlässt dich auf einen Automatismus, der im Einzelfall nicht greift, und merkst es erst, wenn die Frist schon abgelaufen ist.

Praktisch heißt das: "Automatisch" ändert nichts an deiner Kontrollpflicht. Du prüfst weiter, ob für jeden erfassten Verlust auch tatsächlich eine Erstattung erfolgt ist. Der Reimbursements Report ist dafür dein Gegencheck – dazu gleich mehr.

Herstellungskosten statt Verkaufspreis – was das bedeutet

Die zweite große Änderung betrifft nicht die Frist, sondern die Höhe der Erstattung. Amazon bewertet verlorene oder beschädigte Ware in bestimmten Fällen nicht mehr zum Verkaufspreis, sondern zum Herstellungskostenwert – also dem, was dich die Ware beim Hersteller oder Großhändler gekostet hat. Ohne Fracht, ohne Handling, ohne Zoll.

Wichtig für den deutschen Marktplatz: Amazon hat diese Umstellung im März 2025 für den US-Marktplatz angekündigt. Ob und seit wann sie für amazon.de gilt, ist öffentlich nicht belegt. Prüfe den aktuellen Stand in deinem Seller Central, bevor du deine Kalkulation darauf aufbaust – behandle die Regel nicht als geltendes Recht für Deutschland.

Entscheidend ist eine Differenzierung, die fast alle Ratgeber übersehen: Es kommt darauf an, wann der Verlust passiert. Geht Ware verloren, bevor ein Kunde sie bestellt hat, greift die Herstellungskosten-Logik. Geht sie nach der Bestellung verloren oder kaputt, wird weiterhin der Verkaufspreis abzüglich Gebühren angesetzt. Das ist der Unterschied zwischen "lagernde Ware verschwindet" und "bereits verkaufte Ware beschädigt".

1
Verlust vor der Kundenbestellung
Bewertung nach Herstellungskosten – dem reinen Beschaffungspreis ohne Nebenkosten.
2
Verlust oder Schaden nach der Bestellung
Bewertung weiterhin nach Verkaufspreis minus Amazon-Gebühren.

Eigene Einkaufskosten hinterlegen schlägt Amazons Schätzung

Wenn nach Herstellungskosten bewertet wird, stellt sich sofort die Frage: Woher kennt Amazon deine Einkaufskosten? Antwort: gar nicht – Amazon schätzt sie. Und eine Schätzung ist selten in deinem Interesse.

Du hast die Möglichkeit, deine tatsächlichen Beschaffungskosten selbst zu hinterlegen, statt Amazons Schätzwert zu akzeptieren. Das Portal dafür taucht je nach Ansicht unter unterschiedlichen Bezeichnungen auf – such nach der Verwaltung deiner Herstellungs- bzw. Beschaffungskosten in Seller Central. Der Pfad kann sich ändern; der Grundsatz bleibt: Deine dokumentierten Zahlen sind belastbarer als eine pauschale Schätzung.

Der Aufwand lohnt sich vor allem bei Produkten mit hoher Marge, wo Einkaufspreis und Verkaufspreis weit auseinanderliegen. Halte deine Beschaffungsbelege sauber – Rechnungen vom Hersteller oder Großhändler – damit du im Zweifel einen Wert nachweisen kannst, statt dich auf eine Zahl zu verlassen, die jemand anderes für dich festgelegt hat.

Kontrolle statt Schätzung
Denk an die Definition: Herstellungskosten = reiner Beschaffungspreis vom Hersteller oder Großhändler, ohne Fracht, Handling und Zoll. Hinterlege genau diesen Wert, sauber belegt – dann bewertet niemand deine Ware für dich.

Die wöchentliche Routine – so verpasst du keine Frist mehr

Weil das Jahres-Audit tot ist, brauchst du einen festen wöchentlichen Slot. 30 bis 60 Minuten, immer am gleichen Tag. Ziel: jede Abweichung finden, solange ihr Fenster noch offen ist. Drei Berichte reichen als Fundament.

Der Inventory Ledger zeigt dir alle Bestandsbewegungen und ist dein Ausgangspunkt. Die Inventory Adjustments filterst du nach den Gründen "Lost – Warehouse" und "Damaged – Warehouse" – das sind die Verluste und Schäden im Lager, die eine Erstattung auslösen können. Und mit dem Reimbursements Report gleichst du ab, was Amazon bereits von sich aus erstattet hat, damit du keine Doppelfälle eröffnest und keine ausgebliebene Automatik übersiehst.

Der Ablauf in Schritten:

1
1. Fester Termin
Ein wiederkehrender Wochentermin im Kalender. Nicht "wenn ich Zeit habe" – bei 60 Tagen ist Regelmäßigkeit die halbe Miete.
2
2. Abweichungen ziehen
Inventory Adjustments nach "Lost – Warehouse" und "Damaged – Warehouse" filtern, mit dem Inventory Ledger abgleichen.
3
3. Gegen Erstattungen prüfen
Reimbursements Report daneben legen: Was ist schon automatisch erstattet? Was fehlt?
4
4. Retouren auf Wiedervorlage
Kundenretouren-Fälle nicht sofort, sondern ab Tag 60 einreichen. Führe eine Liste mit Erstattungsdatum + Fälligkeit.
5
5. Dokumentieren
Jeden eingereichten Fall mit Datum und Referenz festhalten – für den Gegencheck in der Folgewoche.
Report-Pfade veralten schneller als Fristen
Die 60-Tage-Fristen sind seit März 2025 stabil und dürften eine Weile halten. Die genauen Namen der Portale und Report-Pfade ändern sich dagegen häufiger. Wenn ein Menüpunkt verschwindet, such nach dem Inhalt, nicht nach dem alten Namen.

Die häufigsten Fehler – und wie du sie vermeidest

Zum Schluss die Muster, die immer wieder Geld kosten. Keiner davon ist kompliziert – aber alle haben mit der neuen Frist-Logik zu tun, an die sich viele Seller noch nicht angepasst haben.

Der teuerste Fehler ist der stillste: gar nicht prüfen, weil man annimmt, Amazon regle das automatisch. Die Automatik deckt nur einen Teil ab, und wenn sie ausbleibt, läuft die Frist trotzdem. Der zweithäufigste: quartalsweise statt wöchentlich prüfen – und damit systematisch alles verpassen, was älter als 60 Tage ist.

1
Zu spät prüfen
Wer im Monats- oder Quartalsrhythmus arbeitet, findet nur noch verjährte Fälle. Umstellen auf Wochenrhythmus.
2
Retouren zu früh einreichen
Vor Tag 60 wird abgelehnt. Ablehnung nicht als Endergebnis verstehen, sondern auf Wiedervorlage setzen.
3
Auf die Automatik vertrauen
Automatische Erstattungen aktiv gegenprüfen. Bleibt eine aus, selbst einen Fall eröffnen – innerhalb der 60 Tage.
4
Amazons Schätzung akzeptieren
Eigene Beschaffungskosten hinterlegen und mit Belegen absichern, statt einen fremden Wert hinzunehmen.
5
Kein Nachweis
Ohne Rechnungen und Report-Auszüge lässt sich ein Fall schwer belegen. Belege sauber und auffindbar ablegen.

Häufige Fragen

Wie lange habe ich für eine FBA-Erstattung Zeit?
Stand Juli 2026, laut Amazons Forums-Ankündigung vom 23.10.2024, in den meisten Fällen 60 Tage – bei im Lager verlorener oder beschädigter Ware ab dem Meldedatum. Vorher waren es 18 Monate. Kundenretouren haben ein eigenes Fenster von Tag 60 bis 120. Verbindlich ist die Fassung in deinem Seller Central.
Warum wird mein Kundenretouren-Fall abgelehnt, obwohl ein Anspruch besteht?
Wahrscheinlich hast du zu früh eingereicht. Solche Fälle nimmt Amazon erst ab Tag 60 nach der Erstattung an den Kunden an, weil bis dahin die Rücksendefrist des Kunden läuft. Setze den Fall auf Wiedervorlage und reiche zwischen Tag 60 und Tag 120 erneut ein.
Muss ich noch selbst prüfen, wenn Amazon verlorene Ware automatisch erstattet?
Ja. Die automatische Erstattung für im Fulfillment Center verlorene Ware gibt es laut Ankündigung seit dem 01.11.2024, aber sie greift nicht in jedem Fall. Bleibt sie aus, gilt trotzdem die 60-Tage-Frist. Prüfe deshalb regelmäßig mit dem Reimbursements Report, ob jeder Verlust auch erstattet wurde.
Gilt die Bewertung nach Herstellungskosten auch für amazon.de?
Das ist öffentlich nicht belegt. Amazon hat die Umstellung auf den Herstellungskostenwert im März 2025 für den US-Marktplatz angekündigt. Ob und seit wann sie für amazon.de gilt, solltest du im aktuellen Stand deines Seller Central prüfen, statt es als geltende Regel anzunehmen.
Was zählt bei Amazon als Herstellungskosten?
Der reine Beschaffungspreis, den du dem Hersteller oder Großhändler zahlst – ohne Fracht, Handling und Zoll. Du kannst diesen Wert selbst hinterlegen oder Amazons Schätzung akzeptieren. Eigene, mit Rechnungen belegte Kosten sind meist die bessere Wahl.
Welche Berichte brauche ich für eine saubere Erstattungs-Routine?
Drei: den Inventory Ledger für alle Bestandsbewegungen, die Inventory Adjustments gefiltert nach den Gründen "Lost – Warehouse" und "Damaged – Warehouse" für Verluste und Schäden, sowie den Reimbursements Report zum Gegencheck bereits erfolgter Erstattungen.
TH
Tobias Held · FBA-Experte
Schreibt bei Sellercore über Amazon-Strategie, Automatisierung und E-Commerce.

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