
Gutes Bestandsmanagement entscheidet bei Amazon oft über Erfolg oder Misserfolg. Läuft ein Bestseller leer, verlierst du nicht nur Umsatz, sondern auch organisches Ranking und Bewertungen-Momentum – und beides zurückzuholen kostet deutlich mehr Zeit und Geld, als der Stockout an direktem Umsatz gekostet hat. Umgekehrt bindet zu viel Ware unnötig Kapital, verursacht Lagergebühren und kann bei FBA sogar zu Zuschlägen für Langzeitlagerung führen.
Die gute Nachricht: Für einen sauberen Einstieg brauchst du keine teure Spezialsoftware. Eine gut aufgebaute Excel- oder Google-Tabelle mit ein paar Grundformeln bringt dich erstaunlich weit. In diesem Guide zeigen wir dir Schritt für Schritt, wie du Reichweite, Nachbestellpunkt, Sicherheitsbestand und Saisonalität planst – mit konkreten, aber ausdrücklich als Beispiel gekennzeichneten Formeln, die du direkt übernehmen kannst.
Wichtig vorab: Alle Zahlen in diesem Artikel sind Beispielwerte zur Veranschaulichung. Deine echten Werte hängen von deinem Produkt, deiner Lieferkette und deiner Nachfrage ab. Verbindlich sind immer die tatsächlichen Daten aus deinem Seller Central und von deinem Lieferanten.
Bevor wir in die Formeln einsteigen, klären wir die vier zentralen Begriffe. Wenn du diese verinnerlicht hast, ergeben sich die Berechnungen fast von selbst.
Die Basis jeder Bestandsplanung ist dein durchschnittlicher Tagesabsatz. Alle weiteren Formeln bauen auf dieser einen Zahl auf. Als zuverlässiges Fundament nimmst du am besten die Verkäufe der letzten 30 Tage und teilst sie durch 30.
Die einfache Excel-Formel dafür lautet: =SUMME(Verkäufe_30_Tage)/30. Verkaufst du in 30 Tagen 300 Einheiten, ergibt das 10 Einheiten pro Tag.
Wenn dein Absatz einen klaren Trend hat – etwa weil das Produkt gerade anzieht oder in eine Saison hineinläuft – ist ein simpler Durchschnitt trügerisch, weil er ältere, niedrigere Tage gleich stark gewichtet wie die jüngsten. Dann arbeitest du besser mit einem gewichteten Durchschnitt, der die letzten Tage stärker berücksichtigt: =SUMMENPRODUKT(Verkäufe;Gewichtung)/SUMME(Gewichtung). Als Gewichtung kannst du zum Beispiel den jüngsten Wochen höhere Faktoren geben.
Für saisonale Artikel lohnt sich zusätzlich ein Blick auf den Vorjahreszeitraum, falls du diese Daten hast. So erkennst du, ob der aktuelle Absatz normal ist oder bereits durch einen Saisoneffekt verzerrt wird.
Sobald du den Tagesabsatz kennst, ist die Reichweite trivial: Du teilst deinen aktuellen Bestand durch den durchschnittlichen Tagesabsatz. Die Formel lautet =Aktueller_Bestand/Durchschnittlicher_Tagesabsatz.
Beispiel: 250 Einheiten auf Lager geteilt durch 10 verkaufte Einheiten pro Tag ergeben eine Reichweite von 25 Tagen. Diese eine Zahl sagt dir sofort, ob du entspannt sein kannst oder handeln musst.
Als Faustregel sollte deine Reichweite immer mindestens die Lieferzeit plus die Sicherheitsbestand-Tage abdecken. Bei FBA fahren viele Seller mit einem Zielkorridor von rund 30 bis 45 Tagen Reichweite gut – genug Puffer gegen Schwankungen, ohne unnötig viel Kapital und Lagergebühren zu binden. Der passende Wert für dich hängt aber von deiner konkreten Lieferzeit und Nachfrage ab.
Der Nachbestellpunkt ist der Bestandswert, bei dessen Unterschreiten du eine Nachbestellung auslöst. Die einfache Formel: =Tagesabsatz * (Lieferzeit + Sicherheitsbestand_Tage). Verkaufst du 10 Einheiten pro Tag, liegt die Lieferzeit bei 21 Tagen und willst du 7 Tage Sicherheitsbestand halten, ergibt das 10 × (21 + 7) = 280 Einheiten. Fällt dein Bestand auf oder unter 280, wird bestellt.
Für den Sicherheitsbestand selbst gibt es zwei Ansätze. Die einfache Variante: =Tagesabsatz * Safety_Faktor, wobei der Safety-Faktor typischerweise zwischen 0,2 und 0,5 liegt, also 20 bis 50 Prozent des Bedarfs während der Lieferzeit abdeckt. Je unzuverlässiger deine Lieferkette oder je schwankender deine Nachfrage, desto höher wählst du den Faktor.
Wer es statistisch fundierter mag, nutzt eine erweiterte Formel, die die Schwankung deiner Verkäufe direkt einbezieht: =NORM.INV(Service_Level;0;1) * STABW(Tagesabsätze) * WURZEL(Lieferzeit). Der Service_Level ist dabei die gewünschte Lieferbereitschaft, zum Beispiel 0,95 für 95 Prozent. Je stärker deine Tagesabsätze schwanken, desto größer wird der empfohlene Puffer – genau so soll es sein.
Optional kannst du auch die wirtschaftlich optimale Bestellmenge (EOQ) berechnen, die Bestell- und Lagerkosten ausbalanciert: =WURZEL((2 * Jahresabsatz * Bestellkosten) / (Stückkosten * Lagerhaltungskosten%)). Für viele kleinere Seller ist das eher eine Feinjustierung – der Nachbestellpunkt ist der wichtigere Hebel.
Starre Durchschnittswerte sind der häufigste Grund für Fehlplanungen. Ein Grillzubehör-Artikel verkauft sich im Juni völlig anders als im Dezember, und ein Adventskalender braucht seinen kompletten Jahresbestand in wenigen Wochen. Wenn du deine 30-Tage-Zahlen einfach fortschreibst, planst du entweder in der Nebensaison zu viel oder rennst in der Hochsaison in den Stockout.
Der praktikabelste Weg in Excel ist ein Saisonfaktor: Du hinterlegst pro Monat einen Multiplikator, der deinen Basis-Tagesabsatz nach oben oder unten korrigiert. Ein Faktor von 1,0 bedeutet Normalnachfrage, 1,8 bedeutet 80 Prozent mehr Absatz, 0,6 bedeutet 40 Prozent weniger. Diese Faktoren leitest du idealerweise aus deinen Vorjahresdaten ab.
Rechne außerdem die Lieferzeit rückwärts. Wenn deine Hochsaison im November beginnt und deine Lieferzeit inklusive Einlagerung sechs Wochen beträgt, muss die Bestellung spätestens Mitte September raus. Rund um große Aktionstage kommen zwei Effekte zusammen: Die Nachfrage steigt, und gleichzeitig sind Produktion und Versand oft ausgelastet, was die Lieferzeiten zusätzlich verlängert. Plane hier bewusst konservativer.
Rechnen wir die Logik einmal komplett durch. Alle Werte hier sind ausdrücklich Beispielwerte zur Veranschaulichung – setze für deine echte Planung deine eigenen Zahlen ein.
Angenommen, du verkaufst in den letzten 30 Tagen 300 Einheiten eines Artikels. Dein Tagesabsatz beträgt damit 300 / 30 = 10 Einheiten pro Tag. Deine Lieferzeit inklusive Amazon-Einlagerung liegt bei 21 Tagen, und du möchtest 7 Tage Sicherheitsbestand halten.
Nachbestellpunkt: 10 × (21 + 7) = 280 Einheiten. Sobald dein Bestand auf 280 fällt, musst du bestellen. Hast du aktuell 250 Einheiten im Lager, liegst du bereits unter dem Nachbestellpunkt – höchste Zeit für die Order. Deine Reichweite beträgt 250 / 10 = 25 Tage, also weniger als deine 21 Tage Lieferzeit plus 7 Tage Puffer. Es wird knapp.
Wie viel bestellst du? Ein einfacher Ansatz für das Auffüllen auf rund 45 Tage Zielreichweite: Zielbestand minus aktueller Bestand, also (10 × 45) − 250 = 200 Einheiten. Damit wärst du nach Wareneingang wieder komfortabel im grünen Bereich. Ob 45 Tage für dich die richtige Zielgröße sind, hängt von deiner Kapitaldecke, deinen Lagergebühren und deiner Nachfrage ab.
Für die Cashflow-Seite rechnest du die Kapitalbindung mit =Bestand * Einkaufspreis und die Kosten der nächsten Bestellung mit =Bestellmenge * Einkaufspreis + Versandkosten + Zoll. So siehst du nicht nur, wann du bestellen musst, sondern auch, ob dein Cashflow die Order trägt.
Damit du nicht jede SKU einzeln durchrechnest, baust du dir eine Tabelle mit einer Zeile pro Artikel und den Formeln in den Spalten. So genügt ein Blick, um zu sehen, wo Handlungsbedarf besteht. Die Formeln unten beziehen sich jeweils auf Zeile 2 und werden nach unten kopiert.
Ein Ampel-System über die bedingte Formatierung macht die Tabelle auf einen Blick lesbar. Du färbst die Reichweite-Spalte je nach Zustand ein: Rot, wenn die Reichweite unter die Lieferzeit fällt (=G2
Zum Automatisieren der Datenpflege exportierst du wöchentlich den FBA-Inventory-Report und die Business Reports aus Seller Central. Mit Power Query lässt sich der Import weitgehend automatisieren, mit Pivot-Tabellen analysierst du schnell nach Kategorie oder Saison. So bleibt der manuelle Aufwand gering. Die folgende Spaltenstruktur hat sich bewährt:
Diese Stolpersteine sehen wir immer wieder – und sie sind fast alle leicht zu vermeiden, wenn du sie kennst.
Mit den gezeigten Formeln hast du eine solide Grundlage für dein Bestandsmanagement: Du berechnest deinen Tagesabsatz als Basis, leitest daraus Reichweite und Nachbestellpunkt ab, legst einen Sicherheitsbestand fest und berücksichtigst Saisonalität. Ein Ampel-System sorgt für den schnellen Überblick, und die Cashflow-Formeln stellen sicher, dass jede Bestellung auch finanzierbar ist.
Excel ist für den Start hervorragend – ehrlich gesagt sogar besser, als viele denken. Doch mit wachsendem Sortiment stößt die Tabelle an Grenzen: Ab vielen Dutzend oder über hundert SKUs wird die manuelle Pflege fehleranfällig und zeitraubend, und jeder vergessene Report-Export kann eine Fehlentscheidung nach sich ziehen.
Genau an diesem Punkt lohnt sich Automatisierung. Das Bestandsmanagement von Sellercore synchronisiert sich direkt mit deinen Amazon-Daten, berechnet Reichweite und Nachbestellpunkte automatisch und warnt dich rechtzeitig vor Stockouts – ohne wöchentliche Excel-Exporte. So behältst du auch bei großem Sortiment den Überblick und kannst dich auf das Wachstum konzentrieren.