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Bundeskartellamt vs. Amazon: Was die 59-Mio-Strafe für deutsche Seller bedeutet

Amko Amko by Sellercore
31. März 2026 11 Min. Lesezeit

Am 5. Februar 2026 hat das Bundeskartellamt eine historische Entscheidung gefällt: Amazon darf die Preise von Marketplace-Händlern nicht mehr kontrollieren. 59 Millionen Euro wurden als wirtschaftlicher Vorteil abgeschöpft. Was bedeutet das konkret für dich als Amazon Seller in Deutschland?

Amko erklärt

Was genau ist passiert?

Das Bundeskartellamt hat Amazon untersagt, sogenannte Preiskontrollmechanismen auf dem deutschen Marketplace einzusetzen. Gleichzeitig wurden 59 Millionen Euro als wirtschaftlicher Vorteil abgeschöpft — die erste Anwendung der 2023 reformierten Vorteilsabschöpfung überhaupt.

⚠️ Das Kernproblem

Amazon hat systematisch die Preise von Dritthändlern überwacht. Wenn die Algorithmen einen Preis als "zu hoch" einstuften, wurde das Angebot entweder komplett vom Marktplatz entfernt oder aus der Buy Box ausgeschlossen. Da bis zu 90% aller Verkäufe über die Buy Box laufen, war das für betroffene Händler existenzbedrohend.

Wie hat Amazons Preiskontrolle funktioniert?

Amazon setzte verschiedene algorithmische Mechanismen ein, um die Preise der Marketplace-Händler zu überprüfen. Konkret funktionierte das so:

  1. Automatische Preisüberwachung: Amazons Algorithmen verglichen die Preise der Händler mit Referenzpreisen — darunter Preise auf anderen Plattformen, historische Preise und die Preise anderer Händler auf Amazon.
  2. Intransparente Preisgrenzwerte: Wurde ein Preis als "zu hoch" eingestuft, griff das System ein. Händler wussten allerdings nicht, nach welchen Regeln die Preisgrenzen festgelegt wurden.
  3. Buy-Box-Entzug: Betroffene Angebote verloren die Buy Box — das prominente Einkaufsfeld, über das der Großteil der Verkäufe läuft.
  4. Komplette Entfernung: In schweren Fällen wurden Angebote vollständig vom Marktplatz entfernt.

Das Perfide: Händler konnten nicht nachvollziehen, warum ihr Angebot plötzlich verschwand oder die Buy Box verlor. Die Regeln waren intransparent, die Benachrichtigungen unzureichend.

Amko gestresst

Die rechtliche Grundlage

Das Bundeskartellamt stützt seine Entscheidung auf mehrere Rechtsgrundlagen:

  • §19a Abs. 2 GWB — Die 2021 eingeführte Sondervorschrift für große Digitalunternehmen, die dem Kartellamt erweiterte Befugnisse gibt.
  • §19 GWB — Das allgemeine Verbot des Missbrauchs einer marktbeherrschenden Stellung.
  • Artikel 102 AEUV — Das europäische Pendant zum Missbrauchsverbot.

📊 Amazon in Zahlen

Amazon kontrolliert rund 60% des deutschen Online-Handels. Etwa 60% der über amazon.de verkauften Waren werden nicht von Amazon selbst, sondern von unabhängigen Dritthändlern verkauft. Das macht die Plattform quasi unverzichtbar für tausende deutsche Händler.

Was ändert sich jetzt für Seller?

Die Entscheidung bringt konkrete Verbesserungen für Amazon-Händler in Deutschland:

1. Mehr Preisfreiheit

Amazon darf die Preise der Händler nicht mehr systematisch kontrollieren. Du kannst deine Preise frei setzen — basierend auf deinen tatsächlichen Kosten, Margen und Marktstrategie, nicht auf Amazons Vorstellungen davon, was "angemessen" ist.

2. Buy Box wird fairer

Die Buy Box darf nicht mehr als verstecktes Preiskontroll-Instrument missbraucht werden. Das bedeutet nicht, dass der Preis keine Rolle mehr spielt — aber er darf nicht der einzige Hebel sein, mit dem Amazon Händler diszipliniert.

3. Mehr Transparenz

Wenn Amazon in Ausnahmefällen (z.B. bei offensichtlichem Preiswucher) eingreift, muss das nach klaren, nachvollziehbaren Regeln passieren. Händler müssen über die Parameter, die Regelsetzung und die Gründe für Einschränkungen informiert werden.

4. Multi-Channel wird attraktiver

Ohne den Druck, auf Amazon den niedrigsten Preis anzubieten, wird der Verkauf über eigene Shops und andere Plattformen wieder lukrativer. Du kannst auf deinem Shopify-Shop andere Preise setzen als auf Amazon — ohne Angst vor Sanktionen.

✅ Zusammenfassung: Deine neuen Rechte

  • Freie Preisgestaltung auf dem Amazon Marketplace
  • Keine intransparente Buy-Box-Unterdrückung wegen "zu hoher" Preise
  • Recht auf transparente Benachrichtigung bei Einschränkungen
  • Unterschiedliche Preise auf verschiedenen Plattformen ohne Sanktionen
Amko Daumen hoch

Amazons Reaktion

Amazon wehrt sich gegen die Entscheidung. Deutschlandchef Rocco Bräuniger wies die Vorwürfe zurück: Die Entscheidung beruhe auf einer rein deutschen Vorschrift (§19a GWB) und stehe im Widerspruch zu den verbraucherbezogenen Maßstäben des EU-Wettbewerbsrechts.

Amazon hat einen Monat Zeit, Beschwerde beim Bundesgerichtshof einzulegen. Es ist davon auszugehen, dass Amazon diesen Weg gehen wird. Bis zur endgültigen Entscheidung gelten die Auflagen des Bundeskartellamts allerdings bereits.

Was solltest du jetzt tun? 5 praktische Tipps

1. Überprüfe deine Preisstrategie

Wenn du bisher Preise gesenkt hast, nur um die Buy Box nicht zu verlieren — überdenke das. Berechne deine tatsächlichen Kosten (inkl. FBA-Gebühren, Werbung, Retouren) und setze Preise, die dir eine gesunde Marge ermöglichen.

2. Dokumentiere Buy-Box-Verluste

Falls du in den letzten Monaten die Buy Box verloren hast, ohne dass ein günstigerer Wettbewerber vorhanden war: Dokumentiere das. Diese Fälle könnten als Beleg für die untersagte Preiskontrolle dienen.

3. Nutze die Preisfreiheit für Multi-Channel

Jetzt ist der perfekte Zeitpunkt, deinen eigenen Shop oder andere Marktplätze zu stärken. Du kannst dort andere Preise anbieten, ohne auf Amazon bestraft zu werden.

4. Beobachte die Entwicklung

Amazon wird voraussichtlich Beschwerde einlegen. Halte dich über den Fortgang des Verfahrens auf dem Laufenden. Wir berichten hier im Blog über alle Entwicklungen.

5. Nutze ein Repricing-Tool mit Mindestmarge

Ein intelligentes Repricing-Tool wie der Sellercore Repricer hilft dir, wettbewerbsfähige Preise zu setzen — ohne unter deine Schmerzgrenze zu gehen. Setze Min/Max-Grenzen und lass den Algorithmus den optimalen Preis finden.

Amko mit Clipboard

Der größere Kontext: DMA und §19a GWB

Die Entscheidung steht nicht isoliert. Sie ist Teil einer breiteren Regulierungswelle gegen Big Tech:

  • Digital Markets Act (DMA): Die EU-Verordnung stuft Amazon als "Gatekeeper" ein und verpflichtet den Konzern zu fairen Geschäftspraktiken.
  • §19a GWB: Die deutsche Sondervorschrift gibt dem Bundeskartellamt erweiterte Befugnisse gegen große Digitalkonzerne — schneller und effektiver als klassische Kartellverfahren.
  • Vorteilsabschöpfung: Die 2023 reformierte Möglichkeit, wirtschaftliche Vorteile abzuschöpfen, wurde hier erstmals angewendet. Das Signal: Kartellverstöße lohnen sich nicht mehr.

Fazit: Ein Wendepunkt für Amazon-Händler

Die Entscheidung des Bundeskartellamts ist ein klares Signal: Amazon darf seine Marktmacht nicht dazu nutzen, die Preise der Händler zu diktieren. Für Seller bedeutet das mehr Freiheit bei der Preisgestaltung, mehr Transparenz und bessere Planungssicherheit.

Ob Amazon die Entscheidung vor dem Bundesgerichtshof anfechten wird (und wie das ausgeht), bleibt abzuwarten. Aber eines ist sicher: Die Zeiten, in denen Amazon hinter verschlossenen Türen über deine Preise bestimmt hat, sind vorbei.

💡 Sellercore Tipp

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