
Der Account Health Rating (AHR) fasst in einer einzigen Zahl zusammen, wie Amazon das Risiko deines Verkäuferkontos einschätzt. Er sitzt im Seller Central unter Leistung → Kontozustand und wirkt auf den ersten Blick wie ein Schulnoten-Ersatz. Er ist etwas anderes: ein Punktekonto, das durch Verstöße belastet und durch Verkaufsvolumen wieder aufgefüllt wird.
Neue Konten starten bei 200 Punkten. Jeder Richtlinienverstoß zieht Punkte ab – je nach Schwere zwischen 2 und 8. Kritische Verstöße wie der Verkauf gefälschter Ware oder gravierende Sicherheitsprobleme setzen den Rating sofort auf 0, unabhängig davon, wie sauber dein Konto vorher lief. Werden Verstöße adressiert und geschlossen, kommen die abgezogenen Punkte zurück.
Der wichtige Unterschied zu den vier klassischen Leistungskennzahlen: Der AHR ist ein Bestandswert, die Kennzahlen sind Fließgrößen. Die Order Defect Rate misst ein 60-Tage-Fenster und beschreibt, wie gut du gerade lieferst. Der AHR beschreibt, wie viel Vertrauen dein Konto über die Zeit angesammelt hat. Beides hängt zusammen, aber du kannst tadellose Kennzahlen haben und trotzdem einen mittelmäßigen AHR – etwa nach zwei Markenrechtsbeschwerden, die du nie sauber abgeschlossen hast.
Genau deshalb ist die verbreitete Vorstellung falsch, der AHR sei ein Alarmsystem, das man erst anschaut, wenn es klingelt. Er ist ein Guthaben. Und wie jedes Guthaben lässt er sich vorher aufbauen – nur eben nicht in der Woche, in der du ihn brauchst.
Amazon teilt den AHR in drei Bereiche ein. Die Grenzen sind eindeutig, die Konsequenzen daraus werden regelmäßig falsch gelesen.
Der Denkfehler steckt in der grünen Zone. Sie ist breit. Ein Konto mit 201 Punkten und ein Konto mit 380 Punkten stehen beide auf "Healthy", und beide bekommen dasselbe grüne Feld angezeigt. Der Abstand zur roten Linie ist aber völlig unterschiedlich. Bei 201 Punkten reichen zwei mittelschwere Verstöße in derselben Woche, und du stehst bei 189 – gelb, mit Deaktivierungsrisiko im Blick. Bei 380 Punkten kostet dich derselbe Vorfall gar nichts außer Nerven.
Wer den AHR als Ampel liest, optimiert auf "nicht rot". Wer ihn als Puffer liest, optimiert auf Abstand. Der zweite Ansatz ist der richtige, und er hat eine konkrete Zielmarke: 250.
Das ist der Teil, den die meisten Seller zum ersten Mal hören, wenn ihr Score bereits gefallen ist. Der AHR steigt nicht durch Wohlverhalten allein. Er steigt durch Volumen: 4 Punkte für je 200 erfolgreich erfüllte Bestellungen, gerechnet über ein rollierendes Fenster von 180 Tagen.
Rollierend heißt: Was vor 181 Tagen passiert ist, zählt heute nicht mehr. Die Punkte, die du im Januar durch starkes Volumen aufgebaut hast, fallen im Juli wieder heraus. Kommt kein neues Volumen nach, sinkt der Score – ohne dass du irgendetwas falsch gemacht hättest.
Rechne das einmal für dein Konto durch. Ein Seller mit 1.200 Bestellungen im Halbjahr sammelt daraus 24 Punkte. Bricht das Volumen im Folgehalbjahr auf 400 Bestellungen ein – Saisonende, Lieferengpass, ein Listing verloren –, bleiben davon 8 Punkte. Der AHR verliert 16 Punkte in einem Zeitraum, in dem der Seller subjektiv nichts falsch gemacht hat. Wer vorher bei 212 stand, steht dann bei 196: gelb.
Die praktische Konsequenz ist unbequem, aber klar. Umsatz ist Schutzpuffer. Ein Konto mit stabilem Bestellvolumen verzeiht Verstöße, die ein Konto mit dünnem Volumen an die Grenze drücken. Und umgekehrt: Wenn du planst, dein Sortiment auszudünnen oder eine Saisonpause einzulegen, plane den Score-Verlust mit ein. Das ist derselbe Blick, mit dem du auch deine Bestandsplanung aufstellst – nur dass hier nicht Lagerreichweite, sondern Risikopuffer die Größe ist, die schrumpft.
Wichtig zur Einordnung: Es gibt keine belastbare Amazon-Quelle für eine öffentliche Punkteskala von 0 bis 1.000 oder für eine grundlegende Modelländerung des AHR im Jahr 2025 oder 2026. Solche Angaben kursieren, sind aber nicht durch Amazon belegt. Belegt sind die Schwellen 200 und 100 sowie der Wert 250 im Zusammenhang mit Account Health Assurance.
Neben dem AHR führt Amazon vier Leistungskennzahlen mit harten Schwellenwerten. Sie sind der häufigste Auslöser für Verstöße, die den AHR belasten – und sie haben jeweils ein eigenes Messfenster, das du kennen musst, um überhaupt gegensteuern zu können.
Das Messfenster entscheidet über deine Reaktionszeit. Die Late Shipment Rate wird über 10 und 30 Tage gemessen: Ein schlechter Tag kann die 10-Tage-Sicht sofort kippen, ist aber auch schnell wieder herausgerechnet. Die Order Defect Rate läuft über 60 Tage – hier wirkt eine schlechte Woche zwei Monate lang nach. Wenn deine ODR heute bei 1,4 % steht, kannst du sie nicht in drei Tagen reparieren. Du kannst nur aufhören, sie weiter zu füttern, und warten, bis die alten Fälle aus dem Fenster laufen.
Ein zweiter Punkt, der oft untergeht: Die ODR ist eine Sammelgröße. Sie speist sich aus negativen Bewertungen mit 1 oder 2 Sternen, aus A-bis-Z-Garantieanträgen und aus Chargeback-Fällen. Wer nur auf die Bewertungen schaut, sieht ein Drittel des Problems. Und wer seine Retourengründe systematisch auswertet, findet die Ursachen meist eine Ebene tiefer: in der Produktbeschreibung, in der Verpackung, in einer Größenangabe, die nicht stimmt.
Hier liegt das teuerste Missverständnis im gesamten Thema Kontozustand. In Foren und Seller-Gruppen wird jede Schwellenüberschreitung als Vorstufe zur Kontosperrung behandelt. Das stimmt nicht, und der Unterschied ist operativ hochrelevant.
Eine VTR unter 95 % führt zur Sperrung deiner Nicht-FBA-Angebote in der betroffenen Kategorie. Nicht im ganzen Konto. Nicht bei FBA. Nur seller-fulfilled, nur diese Kategorie. Wer 80 % seines Umsatzes über FBA macht und eine VTR-Warnung in einer Nebenkategorie bekommt, hat ein begrenztes Problem – kein existenzielles.
Eine Pre-Fulfillment Cancel Rate über 2,5 % deaktiviert deine seller-fulfilled Angebote. Auch das ist keine Kontosperrung. FBA-Angebote laufen weiter, weil Amazon dort selbst versendet und Stornierungen gar nicht in deiner Hand liegen.
Warum das wichtig ist: Die richtige Reaktion unterscheidet sich massiv. Auf eine drohende Kontosperrung reagierst du mit einem strukturierten Aktionsplan und stoppst notfalls den Verkauf. Auf eine drohende VTR-Sperre in einer Kategorie reagierst du, indem du in genau dieser Kategorie die Versandart wechselst oder die betroffenen Angebote vorübergehend auf FBA umstellst. Wer beides gleich behandelt, überreagiert im einen Fall und unterschätzt den anderen. Wenn du grundsätzlich abwägst, welche Fulfillment-Art für welches Produkt passt, ist der Vergleich zwischen FBA und FBM der richtige Ausgangspunkt – Kontozustand ist dabei ein Argument, das selten mitgerechnet wird.
Zur Ehrlichkeit gehört auch: Diese Kennzahl-Konsequenzen sind das eine, Richtlinienverstöße das andere. Ein einzelner kritischer Verstoß – Produktsicherheit, Markenrecht, gefälschte Ware – setzt den AHR sofort auf 0 und macht jede Kennzahlpflege irrelevant. Die Differenzierung gilt für Leistungskennzahlen, nicht für Policy-Verstöße.
Account Health Assurance (AHA) ist das einzige Programm, mit dem Amazon Verkäufern von sich aus einen Deaktivierungsschutz anbietet. Es kostet nichts, man bewirbt sich nicht darum, und die meisten Seller, die es haben, wissen es nicht.
Die Bedingungen, Stand Juli 2026: ein Professional-Verkaufstarif, ein AHR von mindestens 250 über mindestens sechs zusammenhängende Monate und eine hinterlegte Notfall-Telefonnummer im Konto. Sind alle drei erfüllt, wird AHA automatisch aktiviert.
Der Effekt: Amazon deaktiviert dein Konto nicht, solange ein Mitarbeiter dich innerhalb von 72 Stunden telefonisch erreicht. Aus "Konto weg, jetzt schreib einen Plan of Action" wird "Anruf, Erklärung, Frist zur Behebung". Das ist kein Freibrief – es verhindert keinen Verstoß und löst kein Problem für dich. Es verhindert, dass ein lösbares Problem sich in einer Nacht in einen Umsatzstopp verwandelt.
Rechne es ökonomisch: Der Abstand von 200 auf 250 ist ein Aufbau von 50 Punkten, also grob das Äquivalent von rund 2.500 sauber erfüllten Bestellungen innerhalb von 180 Tagen – oder von geschlossenen Altverstößen, die Punkte zurückbringen. Dagegen steht ein Konto, das im Ernstfall nicht ohne Vorwarnung stirbt. Für jedes Konto mit ernsthaftem Umsatz ist diese Rechnung nicht knapp.
Zwei Einschränkungen, die du selbst prüfen musst. Erstens: Die Verfügbarkeit von AHA ist nicht in jedem Marktplatz und zu jedem Zeitpunkt identisch – die öffentlich einsehbaren Länderlisten sind älter und nicht aktuell bestätigt. Schau in deinem Seller Central unter Kontozustand nach, ob AHA für deinen Marktplatz ausgewiesen wird. Zweitens: Die Notfallnummer muss erreichbar sein. Eine Nummer, die im Konto steht und auf einen Anrufbeantworter läuft, erfüllt die Bedingung formal und nützt dir praktisch nichts.
Wenn Amazon Auszahlungen zurückhält, denken viele Seller zuerst an ihren Kontozustand. Der Zusammenhang existiert, aber es sind zwei getrennte Prozesse mit getrennten Regeln und getrennten Fristen.
Die Richtlinie, die das Zurückhalten von Guthaben regelt, hieß früher Funds Withholding Policy und trägt seit dem 9. Oktober 2024 den Namen Funds Disbursement Eligibility Policy. Mit der Umbenennung wurde die Frist zum Widerspruch gegen einbehaltene Auszahlungen von 90 auf 60 Tage verkürzt. Stand Juli 2026, laut Amazons Ankündigung im Seller-Forum vom 9. Oktober 2024. Verbindlich ist die Fassung in deinem Seller Central.
Praktisch heißt das: Wenn Auszahlungen einbehalten werden, hast du 60 Tage, um zu widersprechen. Diese Frist läuft unabhängig davon, wie es deinem AHR geht, und sie wartet nicht auf den Ausgang eines Verstoßverfahrens. Wer zuerst den Kontozustand aufräumt und den Auszahlungswiderspruch aufschiebt, kann die Frist verpassen, obwohl er inhaltlich alles richtig gemacht hat.
Ein Funds Hold ist außerdem nicht automatisch ein Zeichen für einen schlechten Kontozustand. Er trifft regelmäßig auch neue Konten, Konten nach einem sprunghaften Umsatzanstieg oder Konten mit einer offenen Verifizierung. Behandle ihn als eigenen Vorgang mit eigener Deadline.
Der Aufbau von 50 Punkten passiert nicht in einem Monat. Was in einem Monat passiert, ist die Weichenstellung: offene Verstöße schließen, Kennzahlen stabilisieren, Volumen absichern. Danach arbeitet die Zeit für dich.
Die Reihenfolge ist nicht beliebig. Geschlossene Altverstöße bringen Punkte sofort zurück – das ist der schnellste Hebel. Volumenaufbau wirkt erst über Monate. Und Kennzahlpflege verhindert vor allem, dass neue Punkte abgehen, während du die alten zurückholst.
Erstens: "Grün ist grün." Ein AHR von 205 und einer von 320 sehen im Dashboard gleich aus. Sie sind es nicht. Die Frage ist nie "bin ich grün", sondern "wie viele Punkte trennen mich von 100".
Zweitens: "Der Score ist stabil, solange ich mich benehme." Er ist es nicht. Das 180-Tage-Fenster sorgt dafür, dass ruhige Monate den Score senken. Ein Konto in der Sommerflaute verliert Puffer, obwohl der Verkäufer nichts anders macht als im Frühjahr.
Drittens: "Kontozustand ist ein Thema für den Notfall." Wenn der AHR im roten Bereich ist, gelten andere Regeln und andere Prozesse – dann geht es um Wiederherstellung, nicht mehr um Steuerung. Alles in diesem Artikel funktioniert nur, solange der Score noch steuerbar ist. Ist er das nicht mehr, brauchst du einen sauber aufgebauten Plan of Action – ein anderer Werkzeugkasten mit anderen Anforderungen.
Die nüchterne Zusammenfassung: Der Account Health Rating belohnt Konten, die kontinuierlich verkaufen und ihre Verstöße abschließen, statt sie liegen zu lassen. Er bestraft Konten, die gerade so über der Linie stehen und darauf vertrauen, dass nichts passiert. Und er gibt dir mit der 250er-Marke einen konkreten, erreichbaren Zielwert, der mehr wert ist als jede Farbe im Dashboard.